Da mache ich keinen Hehl draus: Die Ergebnisse der gestrigen Landtagswahlen - die zweistelligen Prozentzahlen für die AfD - machen mir Angst. Ich bin aufgewachsen in der Überzeugung, dass Nazis und ähnlich Denkende nie wieder Deutschland in den Griff kriegen dürfen.

Das war auch ein Grund, warum ich nach dem Abitur mit Aktion Sühnezeichen ins Ausland ging und anderthalb Jahre in Brüssel in einem Flüchtlingsheim arbeitete. Damals wie heute denke ich: Niemand geht leichtfertig in ein anderes Land und gibt seine Heimat auf. Damals wie heute gibt es Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flüchten. Und auch andere, die ihr Glück in einem reicheren Land versuchen, weil sie zuhause zu wenig gute Verdienstmöglichkeiten haben. Oder teilweise, weil sie zuhause in bitterer Armut leben müssen. Armut, die wir durch unsere Handelsbedingungen bzw. Einkaufsgewohnheiten mit erzeugen.

Ich bin überzeugt, dass es auch Angst ist, die Viele zur Wahl der AfD gebracht hat. Angst davor, noch kürzer zu kommen, wenn jetzt viele Flüchtlinge bei uns ankommen. Noch weniger ernst genommen zu werden als bisher. Es ist auch Wut dabei: Das Gefühl, nicht mitbestimmen zu können. Immer den Kürzeren zu ziehen und es "denen da oben" jetzt mal zeigen zu wollen. Nur dass leider "die da unten" am meisten drunter leiden werden: Nämlich die Flüchtlinge.

Wiederum aus Angst diese Wähler zu verurteilen, wird ihnen nicht gerecht. Und ist wahrscheinlich kontraproduktiv. Ich glaube, wir müssen sie in ihrer Angst und Wut ernst nehmen. Ich wünsche mir für Deutschland ein Klima, in dem alle Menschen mitreden dürfen, in dem keiner kleingemacht wird, der sich an die Grundregeln hält. Zu den Grundregeln gehört das Recht auf Leben - wenn jemand Brandsätze wirft, ist eine Grenze überschritten. Das gilt genauso für die frauenverachtenden und ebenfalls Angst machenden Aktionen zu Silvester, auf dem Kölner Domplatz und anderswo.

Ich wünsche mir für mein Land, dass die Menschenrechte, darunter das Recht auf Asyl, selbstverständlich bleiben. Ich wünsche mir ein offenes Land, das daran interessiert ist, gerechte Zustände im Land und auch global herzustellen. Damit irgendwann keiner mehr fliehen muss.

Nach wie vor macht mir diese Wahl Angst. Es ist viel Angst unterwegs. Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Wenn ich mich der Angst stelle, sie wahrnehme, entfaltet sie nicht mehr so viel Macht.

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