Heute genau vor 63 Jahren lehnten sich ungefähr eine Million Menschen in der damals blutjungen DDR gegen die Mächtigen auf. Es entstand ziemlich spontan ein landesweiter Aufstand gegen die unwürdigen Bedingungen, in denen weite Teile der Bevölkerung lebten. Warum?

Arbeiter sollten durch schlechtere Bezahlung für die Wirtschaftsmisere büßen, für die eigentlich die – angeblich sozialistische – Regierung verantwortlich war. Das hieß „Normenerhöhung“ – die für den Lohn zu erbringende Arbeitsleistung sollte steigen. Das wäre eine faktische Lohnsenkung gewesen, und das in einer Zeit, in der es für Viele ganz einfach zu wenig zu essen gab.

Die Aufstände hatten ein paar Tage früher begonnen, aber am 17. Juni 1953 weiteten sie sich auf die ganze DDR aus. Es gab Demonstrationen, Arbeitsniederlegungen, Brandstiftungen, teilweise wurden Dorfbürgermeister verjagt, Haftanstalten erstürmt und Häftlinge befreit, ein Stasi-Spitzel gelyncht.

Ich war in meiner Jugend, also vor 1990 ;), oft im Osten; wir hatten jede Menge Verwandtschaft dort und die Partnergemeinde lag ebenfalls in der DDR. Es gab also immer wieder Gelegenheiten, dorthin zu reisen und den „real existierenden Sozialismus“ zu erleben. Soweit man das als Besuchs-Wessi konnte. Bis auf die Grenze und die Ämter, bei denen man sich sofort melden musste, wenn man angekommen war - generell also bis auf die Gängeleien durch die Obrigkeiten -, fand ich das Leben in der DDR damals in mancherlei Hinsicht entspannter als bei uns. Ich liebte die ruhigen Straßen und die unberührte Landschaft rund um unsere Partnergemeinde.

Aber ich kannte als Jugendlicher die problematischen Seiten nicht aus erster Hand. Ich wusste wohl davon, es beeindruckte mich auch, dass Menschen gerade auch in kirchlichen Kreisen Widerstand leisteten und Probleme hatten mit der Stasi oder nicht das studieren durften, was sie wollten. Darunter waren auch Verwandte und Freunde – aber es berührte mich nicht existenziell, nicht direkt.

Für die Menschen in der DDR am 17. Juni 1953 war es anders; alles war existenziell, da war das Fass zum Überlaufen gekommen. Die Regierung versuchte jetzt einzulenken und nahm die geplante „Normenerhöhung“ zurück, aber es reichte nicht mehr: Die Aufständischen verlangten freie Wahlen und den Rücktritt der Regierung.

Die Russen bekamen es mit der Angst zu tun, dass ihnen das Land entgleitet. Am Mittag des 17. Juni verhängten die russischen Besatzer den Ausnahmezustand, also das Kriegsrecht: Die DDR wurde (bis zum 11. Juli) wieder offiziell von der Sowjetunion regiert. Im Laufe des Tages rückte russisches Militär ein und zerschlug mit ihren Panzern und gemeinsam mit DDR-Kräften („Kasernierte Volkspolizei“) blutig und gewaltsam die Revolution, die fortan in der offiziellen Sprachregelung im Osten als „vom Westen inszenierter faschistischer Putschversuch“ diskreditiert wurde.

Bei uns in Westdeutschland wurde dann der 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ gefeiert (bis er 1990 vom 3. Oktober abgelöst wurde – jetzt ist er nur noch Gedenktag). Ich selber wuchs mit der Selbstverständlichkeit von zwei getrennten deutschen Staaten auf. So war es halt – es gab Ost- und Westdeutschland, die DDR und die BRD. Dass es wirklich einmal eine Wiedervereinigung geben würde, schien mir ungefähr so wahrscheinlich, wie dass Jesus zu meinen Lebzeiten wirklich zurück auf die Erde kommen würde.

Warum also an den 17. Juni denken?

Ich finde jede Form von Geschichtserinnerung wichtig. Wir müssen verstehen, wo wir herkommen, um zu wissen, wo wir stehen und wohin wir gehen. Ich lasse mich gerne von vergangenen Zeiten inspirieren. Ich lese z. B. gerade ein Buch von Sebastian Haffner: „Die deutsche Revolution 1918/1919“. Total spannend! Falls du etwas von ihm lesen willst: Ich kann seine „Anmerkungen zu Hitler“ total empfehlen. Die habe ich vor vielen Jahren von Clemens empfohlen bekommen, dafür bin ich ihm immer noch dankbar. (Dabei hatte ich in der Schule immer keine Lust auf Geschichtsunterricht!)

Wozu inspiriert mich der 17. Juni? Wir im wiedervereinigten Deutschland, in der scheinbar alternativlos kapitalistischen Welt, sind so satt und sicherheitsbewusst, dass eine Revolution undenkbar scheint. Wogegen denn? Wer würde mitmachen? Wir haben uns doch (fast) alle mit ins Boot holen lassen von den Mächtigen, den Riesenfirmen, sind Teilhaber an den Früchten des weltweiten ausbeuterischen Systems. Ja, ich klicke vielleicht mal auf eine Petition gegen irgendeine Form von Ausbeutung der Schwächsten, aber danach kaufe ich vielleicht schon wieder ein billiges Notebook und profitiere wieder von dieser Ausbeutung, stärke sie, ohne es zu spüren. Die es spüren, die sind meistens bequem weit weg. Wenn sie nicht zu uns fliehen.

Kommt vielleicht irgendwann eine weltweite Revolution der Armen gegen die Ausbeuter? Was sagt dir der 17. Juni 1953? Ich freue mich auf deinen Beitrag direkt hier in meinem Blog.

Bis dahin alles Gute und revolutionäre Grüße ;)

von Eddi

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