Neulich besuchte ich meine Eltern. Mein Vater war gerade vom Mittagsschlaf aufgewacht und lag noch auf dem Bett. Er ist nicht mehr sehr mobil, er braucht seit zwei, drei Jahren einen Rollator. Wir warteten auf jemanden und hatten Zeit, um ganz entspannt zu erzählen. Er sprach von seiner nachlassenden Beweglichkeit und sagte nachdenklich: "Was ich noch mehr vermisse, als das Autofahren, ist das Fahrradfahren."

Und dann erzählte er mir davon, wie sein Vater ihm als etwa Vierjährigen das Fahrradfahren beigebracht hatte. Er erinnerte sich an das Gefühl von unglaublichem Stolz, als er sich umdrehte und sein Vater nicht mehr mitlief, sondern hinter ihm stand und ihm nachschaute - und er alleine fuhr, ganz alleine. Das muss ungefähr 1933 gewesen sein.

Als ich ungefähr vier Jahre alt war, brachte mir mein Vater das Fahrradfahren bei.

Das war 1975. Auch ich erinnere mich gut an diesen Moment. Gegenüber unseres Pfarrhauses im Londoner Stadtteil Forest Hill gab es eine Reihe von Mehrfamilienhäusern, die eine Art eigene kleine Straße vorwies, auf der man vorzüglich das Fahrradfahren üben konnte. Und dort fuhr ich, sah mich um und merkte plötzlich: Ich fahre alleine! Ganz alleine.

Auch für mich bedeutete das großen Stolz. Und eine besondere Freiheit, die ich bis heute mit dem Fahrradfahren verbinde. Der Wind zieht an mir vorbei, es ist meine eigene Kraft, die mich fortbewegt.

Seit ich selber Vater wurde, durfte ich wiederum allen meinen vier Kindern das Fahrradfahren beibringen. Das dürfte zwischen 2003 und 2013 gewesen sein. Ich habe dieselbe Methode angewandt, wie es mein Vater bei mir tat.

Als mein Vater auf seinem Bett lag und mir diese Geschichte aus seiner Kindheit erzählte, bekam ich eine Gänsehaut, hatte Tränen in den Augen. Ich habe diese Kunst von meinem Vater gelernt, und er hat sie von seinem Vater gelernt. Diese Kunst, das Gleichgewicht zu halten und mit Hilfe dieser genialen, umweltfreundlichen Erfindung meine Fortbewegungsgeschwindigkeit mal eben zu vervierfachen. Sie verbindet meine Kinder, mich, und über die Jahrzehnte hinweg meinen Vater und meinen Großvater.

Sie hat ihn wieder verlassen und sie wird irgendwann auch mich und auch meine Kinder wieder verlassen. Das gehört zum Leben, genau wie Stolz, Freude, Tränen, Gänsehaut, Trauer.

Es ist schon eine unglaubliche Reise, dieses Leben.

Damals war ich noch klein und niedlich. Jetzt bin ich nur noch niedlich ;)

Damals war ich noch klein und niedlich. Jetzt bin ich nur noch niedlich ;)

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Herzliche Grüße,

Eddi

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