Den Text der Bibelarbeit, die ich heute im Tempodrom gehalten habe, findest du hier auf der Downloads-Seite. Viel Spaß damit!

Ich freue mich auch auf meine anderen Aktionen hier: Offenes Singen heute Mittag, heute Abend das große Wise-Guys-Konzert vor dem Brandenburger Tor, morgen werde ich auf dem Washington-Platz an der Gedenkstunde für Flüchtlinge teilnehmen. Eine tolle Zeit entweder auf dem Kirchentag oder sonst einfach ein schönes Himmelfahrtswochenende!

Herzliche Grüße Eddi

Hier ein paar Auszüge aus der Bibelarbeit.

Sternstunde!

Bibelarbeit Eddi Hüneke, 25.05.2017, Tempodrom, Berlin

Bibeltext Lk 1,39-56

Alle sind herzlich willkommen.

Übrigens ist auch alles herzlich willkommen, was ihr, wir in uns tragen und mitbringen. Schmerzen, Freude, Müdigkeit, Ärger, Trauer, Wut, Verspannungen, Lachen, Chaos, abweichende Gedanken, alles ist herzlich willkommen hier heute Morgen. Und auch Fragen sind willkommen: Falls jemand eine Zwischenfrage stellen möchte, bitte ich um Handzeichen und werde mich bemühen, so gut wie möglich darauf einzugehen.

Ich möchte noch eine Klammer einfügen, bevor wir zum Text des heutigen Morgens kommen. Denn vielleicht hoffen einige von euch auf einen Stellungnahme von mir, auf einen Einblick, warum wir uns mit den Wise Guys auflösen, vielleicht auch, was ich danach mache. Darauf möchte ich gerne eingehen, und mit je einem Lied diese Klammer öffnen und schließen.

Eröffnen möchte ich die Klammer mit dem Lied 110 aus dem Liederbuch. Ein großartiges Lied, das ich seit meiner Kindheit in England sehr liebe. Deshalb würde ich es gerne mit euch auf Englisch singen. Es klingt auch einfach besser. „Lord of the dance“ – der Herr des Tanzes – so wird hier Gott, Jesus beschrieben. Gerade die dritte Strophe berührt mich immer sehr. „Sie begruben meinen Körper und dachten, ich wäre verschwunden, doch ich bin der Tanz und ich höre nie auf“.

 

 110 Lord of the dance

 

Nun zu der Klammer. Mein ganzes Leben habe ich berufsmäßig bis hierher im Großen und Ganzen mit den Wise Guys verbracht, größtenteils mit den gleichen Jungs, mit denen ich vor mittlerweile 36 Jahren in der weiterführenden Schule in Köln eingeschult wurde. Für mich ist vor etwas mehr als zwei Jahren nach langem Ringen mit mir selber klar geworden, dass ich eine neue Herausforderung brauche, und dass das im Rahmen der Wise Guys nicht geht. Ich habe dann den anderen vier gesagt, dass ich zwei bis drei Jahre später, 2017, aussteigen würde, so dass noch viel Zeit war, einen Abschied vorzubereiten, und dass ich mich freuen würde, wenn die Wise Guys ohne mich weitermachen.

Das war auch zunächst der Plan, die anderen vier hatten vor, sich einen neuen Mann als Ersatz für mich zu suchen. Dann sind aber bei den anderen Dinge passiert, die dazu geführt haben, dass der Rest der Truppe entschieden hat, es geht nicht so weiter und wir hören am Besten jetzt auf, wenn es am Schönsten ist. Über diese Dinge, die passiert sind, breiten wir uns nicht aus, da bitte ich um Verständnis. Jedenfalls befinden wir uns seit letztem September auf Abschiedstour und in etwas mehr als sieben Wochen ist unser letztes Konzert – von ungefähr 2.500.

Als ich bei den anderen meinen Ausstieg ankündigte, hatte ich für mich noch überhaupt nicht klar, wo es danach für mich hingehen würde. Seit Anfang 2016 weiß ich, dass ich als Singer-Songwriter, solo auf der Bühne, als Musiker, der sich an Gitarre, Piano und Loop-Station einen Neustart machen möchte. Wie das klingt, hört ihr gleich, ich würde euch einladen, bei einem meiner Songs mitzusingen, den ich übrigens gerade im Studio aufgenommen habe und der demnächst erscheinen wird.

Mit diesem Lied schließe ich die Klammer. Der Inhalt führt zum Text von heute: Der Song lädt ein, Stellung zu beziehen und euch zu engagieren, denn uns allen stellt sich in den nächsten Jahren die Frage, wie wir zusammenleben wollen. Und er lädt euch ein, euch selbst wichtig zu nehmen. Gegenseitiger Respekt setzt Selbstliebe voraus; Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – und mach das Maul auf! 😉

Mach das Maul auf

Heute Mittag beim Offenen Singen auf der Open Air Bühne auf der Wiese der Berliner Stadtmission werde ich einen weiteren Song präsentieren, den ich vor kurzem für die Anti-AfD-Demo in Köln geschrieben habe, er heißt „Für Freiheit“ und ich werde ihn auch morgen bei der Gedenkstunde für Flüchtlinge am Hauptbahnhof singen. Also viele Gelegenheiten für Sternstunden beim Kirchentag!

 

Ich lese jetzt den Text der Bibelarbeit – er befindet sich auf Seite 98, für alle die mitlesen wollen.

Bekannt ist er als „Marias Lobgesang“ – es geht um eine Begegnung, die ich als STERNSTUNDE bezeichnen würde … Die Kirchentagsübersetzung:

39 Maria brach auf. Sie lief eilig durch das Bergland in diesen Tagen bis zu einer Stadt in Juda, 40 betrat dort das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 41 Als Elisabet den Gruß Marias hörte, da strampelte das Kind in ihrem Bauch. Elisabet wurde erfüllt mit heiliger Geistkraft. 42 Sie schrie auf und rief mit lauter Stimme: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht in deinem Bauch. 43 Wie kommt es, dass die Mutter meines Herrn gerade mich besucht? 44 Sieh nur: In dem Moment, als dein Gruß in meinen Ohren klang, strampelte das Kind in meinem Bauch vor Freude. 45 Glückselig ist die, die vertraut, denn es wird zur Vollendung kommen, was die EWIGE ihr zugesagt hat.“
46 Und Maria antwortete:
„Mein Innerstes lobt die Größe der EWIGEN;
47 und mein Geist jubelt über Gott, meine Rettung,
48 weil Gott die Erniedrigung ihrer Sklavin sieht.
Seht, von jetzt an werden mich alle Generationen glückselig preisen,
49 denn die göttliche Macht tut Großes für mich.
Heilig ist ihr Name.
50 Barmherzigkeit schenkt sie von Generation zu Generation denen,
die Ehrfurcht vor ihr haben.
51 Sie übt Macht aus mit ihrem Arm,
treibt die auseinander, die im Herzen voller Überheblichkeit sind.
52 Mächtige stürzt sie von den Thronen
und erhöht die Erniedrigten.
53 Hungernde erfüllt sie mit Gutem,
und die Reichen schickt sie mit leeren Händen weg.
54 Sie nimmt sich Israels, ihres Kindes, an,
so erinnert sie sich an ihre Barmherzigkeit,
55 die sie unseren Vätern und Müttern versprochen hat,
Abraham und seinen Nachkommen für alle Zeit.“
56 Maria blieb drei Monate bei Elisabet und kehrte dann in ihr Haus zurück.

Eine Sternstunde. Aber auch eine Geschichte, die Fragen aufwirft. Gerade diese scheinbare Gegenwart der Gerechtigkeit, die Maria wahrnimmt, wirft Fragen auf. Fragen, die unser Leben vielleicht noch mehr braucht als Antworten:

-          Wie können wir mit der Angst, der Trauer und der Wut umgehen, die Anschläge wie in Manchester und wie hier in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt bei uns auslösen?

-          Wie wollen wir mit den Flüchtlingen umgehen? Wie kommen wir zu einer Welt, in der jeder sein darf, wo er sein will, und niemand vor Gewalt, Krieg und Verfolgung – und Hunger und Armut – fliehen muss?

-          Sind wir als Menschen eigentlich wirklich besser als Tiere? Wie können wir dafür sorgen, dass – andere – Tiere nicht nur unter uns nicht massenweise leiden müssen, sondern auch nicht massenweise aussterben?

-          Wie können wir, kurz gefasst, als Menschheit auf diesem Planeten noch längere Zeit weiterleben?

Oder wie kommen wir zu einer Gesellschaft, wie sie Maria in ihrem Lobgesang vorschwebt? Eine Antwort sehe ich in der Postwachstumsökonomie, ein Wort, das der Volkswirt Niko Paech geprägt hat.

Einen Einblick bietet dieses Video https://www.youtube.com/watch?v=jv7EgsjT3f0

...

Ich bin mit einem Buch in Berührung gekommen, das „Der Quantensprung des Denkens“ heißt und vor ein paar Jahren von der Philosophin Natalie Knapp geschrieben wurde. Natalie Knapp zeigt, dass wir einem materialistischen Weltbild verhaftet sind, das vor 300 oder 400 Jahren geprägt wurde von der damaligen Naturwissenschaft.

Wir haben damals als Menschheit mit Newton gelernt, dass es bestimmte Gesetze gibt, nach denen die Welt funktioniert – Schwerkraft, Magnetismus usw. Und man hat damals geglaubt, dass auch der menschliche Körper, dass auch Lebewesen wie Tiere eigentlich Maschinen, Automaten sind, deren Gesetze nur genauer verstanden werden müssen. Die neuen Erkenntnisse haben damals zu fantastischen Fortschritten geführt, Erfindungen, später Chirurgie, aber auch zur Industrialisierung und zur Entkoppelung von Geist und Körper im westlichen Denken.

Doch Natalie Knapp sagt, die Physik weiß seit beinahe 100 Jahren mit der Quantentheorie und der Relativitätstheorie, dass unser mechanistisches und materialistisches Weltbild überholt sind.

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Das etwas besser zu verstehen kann zu einer anderen Art der Wahrnehmung und des Fragens führen. Für Natalie Knapp steht die Vorstellung einer klar definierbaren objektiven Welt auf dem Spiel. „Bis heute haben die Quantenphysiker keine einheitliche Erklärung für die seltsame Natur der Materie und des Lichts. Sie birgt das Geheimnis der unauflösbaren Zusammengehörigkeit des Einzelnen mit dem Ganzen, des Begrenzten mit dem Unbegrenzten, des Materiellen mit dem Immateriellen.“

Später sagt sie: “Es geht nicht darum, die Widersprüche aufzuheben, sondern darum, sie als wesentlichen Teil der Realität anzuerkennen und die eigene Wahrnehmungsfähigkeit in Bewegung zu bringen.“ Und: „Wahrheit ist … etwas, das im Augenblick geschieht. Wir können sie nicht festhalten. Wir erfahren Augenblicke der Wahrheit auf ganz verschiedene Weise: Als Tiefe, als Stille, als Lebendigkeit oder auch als Funkeln. Etwas zeigt sich auf eine Weise, in der es sich zuvor nicht gezeigt hat. In einem Wort, einem Kunstwerk, der Natur, einer philosophischen oder physikalischen Theorie oder auch in einer menschlichen Begegnung.“

Ein Augenblick der Wahrheit, eine Sternstunde, so etwas in der Art war es auch, was bei Elisabet und Maria passierte, als Maria ihren Lobgesang anstimmte und für sie etwas präsent wurde, das wir wahlweise als Zukunftsvision, Spinnerei, Hoffnung oder Klarsichtigkeit bezeichnen können. Die gerechte Welt, für Maria ist sie in diesem Augenblick einfach da.

Und eine andere Frau zeigt mir: Das, was wir mit unseren Materialismus-geprägten Augen sehen, wirkt eindeutig und beständig, besteht aber wesentlich aus Energie, Wellen, Möglichkeiten.

Wer mehr über Natalie Knapp wissen will, den verweise ich in diesem Link auf ein Interview mit Natalie Knapp über ihr Buch „Kompass neues Denken“: https://www.youtube.com/watch?v=zGyZWl08At8&list=PL1Z3vmy1X_rAp8182F7HptTlVgKmxkBse)

Ich habe vor fünf Jahren ein Buch geschrieben, das Jetzt ist deine Zeit heißt. Es wurde inspiriert von Isaac Shapiro, einem spirituellen Lehrer, der mich mit seinem Enjoying The Now, das Jetzt Genießen, geprägt hat. http://isaacshapiro.de/ Mein Co-Autor Roland Wagner ist jemand, der mit achtsamkeitsbasiertem Coaching arbeitet. Eine zentrale Erkenntnis aus unserem Buch:

Wir haben jeden Augenblick die Wahl, mit einer bewussten Entscheidung achtsam zu werden und diesen Augenblick als Sternstunde, Sternsekunde wahrzunehmen.

Dass wir mit unserer Wahrnehmung die Realität beeinflussen, das ist übrigens auch eine stimmtherapeutische Weisheit. Wenn wir unserer Zunge, unserem Gaumen, beim Summen, Sprechen, Singen das Genießen und Wahrnehmen der Schwingungen erlauben, ist physiologisch erwiesen, dass sich unsere Stimme leichter auf ein ermüdungsfreies Schwingen einlässt. Aber es geht weit darüber hinaus.

Das können wir hier und jetzt erleben, und ich möchte euch für ein paar Minuten einladen, ein wenig Aufmerksamkeit auf eure Wahrnehmung des jetzigen Augenblicks zu lenken.

...

Die Sehnsucht, die dieser Text in mir auslöst, ist immer noch da. Sie darf da sein, muss vielleicht sogar da sein. Alles entfaltet sich genau so, wie es sich entfalten soll … ich weiß nicht, was wir brauchen, und ich kann die drängenden Fragen unserer Zeit nicht beantworten. Ich kann nur sagen, wir müssen uns diese Fragen stellen, wir müssen uns diesen Fragen stellen.

Wir brauchen Gelassenheit und eine Wahrnehmung der Möglichkeiten, um Fragen offen zu halten, die für uns und unsere Nachkommen lebensentscheidend sind. Ohne zu schnell fest-zu-stellen, was die Antworten sind.

Ich wünsche euch und auch mir, wünsche uns, dass wir heute, beim ganzen Kirchentag und auch danach, immer wieder offen werden für Sternstunden, achtsames Wahrnehmen dessen, was das Leben braucht und was es mitbringt, zu jeder Zeit. Dass wir die richtigen Fragen stellen und auch Antworten erahnen, dass wir vielleicht manchmal spüren, dass „die göttliche Macht Großes tut für mich“.

...

Ich wünsche euch einen wunderschönen Kirchentag.

Der Segen Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, behüte und beschütze euch euer Leben lang.

Alles Gute und bis bald!

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